Abwehrverhalten

Der unsichtbare Saboteur

Warum wir unter Stress nicht rational handeln (und wie Sie das ändern)

Kennen Sie das? Sie sind eine erfahrene Führungskraft. Sie haben Schulungen besucht, Bücher gelesen und wissen rational genau, wie man konstruktiv kommuniziert.

Und doch: In diesem einen Meeting, als der Kollege diese zynische Bemerkung machte, war all das Wissen plötzlich weg. Ihr Herz schlug schneller, der Tunnelblick setzte ein, und Sie reagierten entweder mit Härte (Angriff) oder zogen sich innerlich zurück (Flucht). Hinterher fragen Sie sich: "Warum habe ich so reagiert? Ich weiß es doch eigentlich besser."

Die Antwort liegt nicht in fehlender Kompetenz. Sie liegt in einem zutiefst menschlichen, oft ignorierten Mechanismus: Abwehrverhalten.

Es ist der Hauptgrund, warum kluge Menschen dumme Entscheidungen treffen – und warum herkömmliche Kommunikationstrainings in der Praxis so oft versagen.

Das Problem: Wenn der Intellekt den Raum verlässt

In entspannten Situationen haben wir Zugriff auf unsere volle Intelligenz, unsere Empathie und unsere Weitsicht. Wir befinden uns im „grünen Bereich“. Doch sobald wir uns bedroht fühlen – sei es durch Kritik, Überforderung oder einen Status-Angriff – übernimmt ein älteres Programm die Kontrolle.

Wir nennen dieses Programm Abwehrverhalten.

Es ist ein biologischer Schutzreflex. Ihr System registriert eine „Gefahr“ (auch wenn es nur ein kritisches Wort ist) und schaltet in Sekundenbruchteilen um. Die Priorität liegt nun nicht mehr auf „Zusammenarbeit“ oder „Lösung“, sondern auf: Sicherheit und Integrität wahren.

Woran Sie erkennen, dass Sie im Abwehrverhalten sind:

  • Körperlich: Ihr Puls steigt, der Hals wird eng, der Bauch krampft sich zusammen.

  • Mental: Sie hören auf, zuzuhören. Sie suchen im Kopf bereits nach Gegenargumenten oder Rechtfertigungen.

  • Emotional: Sie spüren Empörung, Scham oder den Drang, „es dem anderen zu zeigen“.

In diesem Zustand sinkt Ihr effektiver IQ dramatisch. Sie sind physiologisch gar nicht mehr in der Lage, komplexe Perspektiven einzunehmen oder empathisch zu sein.

Warum übliche Ansätze scheitern

Die meisten Management-Methoden setzen auf der rationalen Ebene an. Sie lernen Techniken für Feedback oder Konfliktlösung. Das Problem: Diese Techniken funktionieren nur, wenn das Abwehrsystem ruht.

Versuchen Sie, einem Menschen, der gerade im Abwehrmodus ist, mit rationalen Argumenten zu kommen, ist das, als würden Sie versuchen, eine Software auf einem Computer zu installieren, der gerade abgestürzt ist. Es kann nicht ankommen.

Solange wir das Abwehrverhalten – bei uns selbst und bei anderen – nicht erkennen und regulieren, bleiben alle anderen Tools wirkungslos.

Die Kettenreaktion: Abwehr ist hochgradig ansteckend

Das Tückische am Abwehrverhalten ist seine Dynamik: Es bleibt fast nie bei einer Person. Unser Nervensystem scannt permanent die Umgebung nach Sicherheit. Sobald eine Person im Raum in den Abwehrmodus fällt – sei es durch einen aggressiven Tonfall oder kompletten Rückzug –, signalisiert das den Nervensystemen aller anderen Anwesenden: „Achtung, unsichere Umgebung!“

Abwehr triggert Abwehr. Es entsteht ein Domino-Effekt.

Das fatale Missverständnis in vielen Meetings ist der Versuch, trotz dieser spürbaren Anspannung einfach auf der Sachebene weiterzumachen. Man versucht, Argumente auszutauschen, während die biologischen Visiere längst heruntergeklappt sind. Das kann nicht funktionieren. Statt einer Lösung führt dieses „Weitermachen-Wollen“ oft zur Eskalation, zu persönlichen Verletzungen und verbrannter Erde. Ein Meeting in diesem Zustand fortzusetzen, ist, als würden Sie versuchen, ein brennendes Haus zu streichen, statt es zu löschen.

Beispiel: In einem Projektmeeting äußert Herr Müller Bedenken zum Zeitplan. Frau Schneider, die Projektleiterin, fühlt sich in ihrer Kompetenz angegriffen (Abwehr). Statt neugierig zu fragen, rechtfertigt sie sich scharf: „Wir haben das doch längst geklärt!“ (Rote Reaktion). Herr Müller fühlt sich nun seinerseits nicht gehört und bügelt zurück: „Wenn man hier nichts mehr sagen darf...“ (Gegen-Abwehr). Der Rest des Teams spürt die Spannung, bekommt Angst vor Konflikten und verstummt komplett (Pinke Reaktion/Rückzug). Das Ergebnis: 60 Minuten Diskussion ohne echtes Ergebnis, und drei frustrierte Kollegen, die innerlich gekündigt haben.

Warum Transformationen scheitern: Das „Change-Theater“

Abwehrverhalten ist auch der Hauptgrund, warum die meisten großen Veränderungsvorhaben (Change Management, Agilität, Restrukturierung) scheitern.

Wahre Veränderung erfordert Lernen, Offenheit und das Loslassen von Altem – all das ist nur in der Grünen Zone möglich. Wenn jedoch Angst oder Unsicherheit im Raum stehen und das Abwehrverhalten aktiviert ist, kämpfen die Menschen (bewusst oder unbewusst) um den Erhalt des Status quo, um sich sicher zu fühlen.

Wenn Führungskräfte versuchen, Change-Prozesse gegen diesen Widerstand durchzudrücken, ohne das Abwehrverhalten zu adressieren, entsteht „Change-Theater“. Auf der Bühne wird alles verändert: Neue Jobtitel, bunte Organigramme, agile Methoden. Aber hinter den Kulissen bleiben die alten Verhaltensweisen, die Silos und die Machtspiele intakt. Man verändert alles, nur nicht die Themen, um die es eigentlich geht.

Beispiel: Ein Unternehmen will „agiler“ werden und führt neue Rollen („Product Owner“) ein. Die Abteilungsleiter haben jedoch Angst, Macht zu verlieren (Abwehr). Statt diese Angst anzusprechen, nicken sie im Workshop alles ab („Change-Theater“), installieren aber im Alltag so viele Berichtspflichten und Veto-Rechte für sich selbst, dass die neuen Product Owner gar nichts entscheiden dürfen. Das Unternehmen hat jetzt zwar neue Titel, ist aber genauso langsam wie vorher. Das Abwehrverhalten hat die Struktur besiegt.

Der radikale Weg: Selbstführung statt Techniken

Das Erkennen und Überwinden von Abwehrverhalten ist der wirksamste und radikalste Schritt in Ihrer Entwicklung als Führungskraft. Es erfordert eine brutale Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Es bedeutet, in dem Moment, in dem Sie sich rechtfertigen oder zurückschießen wollen, innerlich „Stopp“ zu sagen. Es bedeutet, den Schmerz oder die Unsicherheit, die hinter der Abwehr liegen, für einen Moment auszuhalten, statt sie sofort in Aggression oder Rückzug zu verwandeln.

Wer diesen Mechanismus bei sich meistert, gewinnt eine neue Superkraft: Sie werden in Stürmen, in denen andere die Fassung verlieren, handlungsfähig bleiben - und erhöhen deutlich die psychologische Sicherheit für alle Menschen, mit denen Sie zusammenarbeiten.

Der Kontext: Abwehrverhalten und die 3 Kulturzonen

Vielleicht kennen Sie bereits unser Modell der 3 Kulturzonen (Rot, Pink, Grün). Abwehrverhalten ist der Schlüsselmechanismus, der entscheidet, in welcher Zone Sie und Ihr Team landen.

  • Der Weg nach Rot: Ihr Abwehrverhalten äußert sich als Kampf. Sie fühlen sich angegriffen und schlagen zurück (laut, zynisch, dominant). Sie wollen „gewinnen“, um sich sicher zu fühlen.

  • Der Weg nach Pink: Ihr Abwehrverhalten äußert sich als Flucht oder Totstellen. Sie schlucken Ihre Meinung runter, lächeln gequält und ziehen sich innerlich zurück, um den Frieden nicht zu gefährden.

Die bittere Wahrheit: Die Grüne Zone (Wachstum, Klarheit, psychologische Sicherheit) ist nur erreichbar, wenn das Abwehrverhalten unten ist. Nur wenn wir uns sicher genug fühlen, den „Schutzschild“ fallen zu lassen, können wir wirklich produktiv sein.

Das erklärt, warum es so schwer ist, dauerhaft „grün“ zu sein: Es erfordert die ständige, bewusste Arbeit daran, das eigene Abwehrsystem zu beruhigen.

Die Lösung: Kommunikation, die entwaffnet

Wenn Sie verstanden haben, dass Abwehrverhalten der Feind von Produktivität ist, stellt sich die Frage: Wie spreche ich heikle Themen an, ohne beim Gegenüber sofort diesen Reflex auszulösen?

Hier kommt die Grüne Kommunikation (basierend auf Gewaltfreier Kommunikation) ins Spiel. Sie ist weit mehr als eine „Nett-Sprech-Technik“. Sie ist eine strategische Methode zur Deeskalation des nervlichen Alarmsystems.

Indem wir lernen, Beobachtungen von Bewertungen zu trennen und über Bedürfnisse statt über Strategien zu sprechen, signalisieren wir dem Gehirn des anderen: „Ich greife dich nicht an. Du bist sicher. Wir haben nur ein sachliches Problem zu lösen.“

Nur so bleibt das Visier des Gegenübers oben. Nur so dringt Ihre Botschaft durch den Filter der Abwehr.

Ihr nächster Schritt

Abwehrverhalten ist menschlich. Wir können es nicht „abschalten“, aber wir können lernen, es früher zu bemerken und den Autopiloten zu stoppen.

Möchten Sie lernen, wie Sie diesen Mechanismus bei sich selbst entschärfen und eine Kultur schaffen, in der Argumente wieder zählen statt Egos und Teams bewusst handeln können anstatt aus dem Autopilot heraus?

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